Das goldene Zeitalter
Die Isländer haben das Jahr 874 sehr gern. Sie meinen nämlich, dass sich der erste Siedler, der Norweger Ingólfur Arnarson, im Jahre 874 in ihrem Lande niedergelassen hat. Aber nicht nur aus Norwegen, auch aus anderen Ländern sind die Siedler Islands gekommen, unter anderem von den Inseln Britanniens. So hat man festgestellt, daß Iren und Isländer verwandt sind; Untersuchungen von Bluttypen haben das bestätigt. Mehr als drei Jahrhunderte lang waren die Isländer ganz selbständig, deshalb wird diese Periode von Gelehrten "Das goldene Zeitalter" genannt. Damals lebten im Land Männer, wie Gunnar auf Hlí›arendi, der sein Schwert so rasch geschwungen haben soll, daß man glaubte drei Schwerter zu sehen. Er ist in schwerer Rüstung mannshoch gesprungen und genauso weit hin und zurück. Er führte den Bogen mit unglaublicher Treffsichserheit. Gunnar war ein großer Held und ein guter Mensch . Man sagt, daß er weder über Wunden noch über den Tod erschrocken sei. Sein Schicksal wurde dadurch entschieden, daß seine Frau Hallgerdur Langbrók, vielleicht die schönste Frau, die in Island lebte, mit wunderschönen, langen Haaren, seine Bitte um zwei Locken aus ihrer Haarpracht kategorisch ablehnte. Seinen Feinden war es nämlich gelungen seine Bogensehne zu zerschneiden, als sie ihn angriffen, und nun wollte er aus ihrem Haar eine neue Sehne machen. "Was hängt davon ab?" fragte sie. "Mein Leben," antwortete er, "denn sie können mich nicht besiegen, wenn ich den Bogen benutzen kann." "Dann will ich," sprach sie, "mich jetzt an die Ohrfeige erinnern, die du mir gegeben hast, und deshalb ist es mir ganz egal, ob Du dich eine kurze oder lange Zeit verteidigen kannst." Hallgerdur Langbrók konnte die erlittene Kränkung nicht vergeben. Sie konnte nicht vergessen, daß ihr Gemahl sie vor langer Zeit zurecht geohrfeigt hatte. Und diese Ohrfeige wurde ein schwerer Schicksalschlag. So liest man in der Brennu-Njálssaga. Viele Leute meinen sogar, daß diese Saga dramatischer ist, als die meisten, die geschrieben wurden. Diesem Schicksal ähnlich endetete das Leben vieler Männer in den Sagas, die zu Beginn des 12. Jahrhunderts verfaßt wurden. Von den Pergamenthandschriften hat man gesagt, daß sie beinahe das einzige sind, was die Existenz des isländischen Volkes bestätigen kann. Diese alten Bücher sind die Seele Islands. Sie stellen die ursprünglichen, literarischen Quellen dar, die die Geschichte des Landes und anderer skandinavischer Nationen der Wikingerzeit beschrieben.
Der alte Vertrag
Im Jahre 1262 schlossen die Isländer einen Vertrag mit Hakon dem Alten, König von Norwegen. Damit wurde Hakon der König Islands, eines freien Landes mit bestimmten Berechtigungen und Pflichten. Ende des 14. Jahrhunderts, als Norwegen einen königlichen Bund mit Dänemark schloss, wurde auch Island in diesem Bund mit eingeschlossen. Als der König Dänemarks im Jahre 1662 Monarch wurde, stimmten die Isländer widerstrebend zu. Ihre Anführer schrieben weinend ihre Namen unter den Vertrag, umgeben von bewaffneten Soldaten des Königs. In der Folgezeit haben die Dänen jahrhundertelang über das Land geherrscht wie über eine Kolonie. Heute pflegt man das mit der Feststellung auszudrücken, dass ihre Regierung milde gesagt, "nicht klug" gewesen sei. Eine Zeit lang durften die Isländer in ihrem eigenen Land nur mit ganz bestimmten Monopol-Kaufleuten und sonst mit niemandem Handel treiben. Wer nicht gehorchte und z. B. im verbotenem Gebiet Islands ein paar Fische verkaufte, konnte für dieses Verbrechen mit vielen Jahren Besserungsanstalt bestraft werden. Als Folge dieser strengen Maßnahmen wurde das Land für längere Zeit von verschiedenen Landsplagen heimgesucht, und die isländische Nation wurde fast zugrunde gerichtet.
Jón Sigurðsson (1811-1879)
Er war ein armer Pfarrersohn vom Bauernhofe Eyri in Arnarfjördur auf den Westfjorden, die der einsamste Teil Islands sind. Dort wohnten zuerst Án Raudfeldur (Rotfeldt), ein Siedler aus Norwegen mit seiner Frau, Grelö›ur Bjartmarsdóttir (Tochter von Bjartmar). Sie war die Tochter eines Herzogs aus Irland. Án hatte eine Wikingerfahrt nach Irland gemacht und danach Grelö›ur geheiratet. Sie liessen sich zuerst in dem sogenannten Dufanstal nieder. Aber Grelöður fand daß die Erde dort nicht wohlriechend sei, so daß sie sich dazu entschloss, sich auf der anderen Seite des Fjordes niederzulassen. Auf Eyri (später Hrafnseyri), dem neuen Haus, fand sie, daß das Gras nach Honig duftet. Dieser kurze Bericht ist in dem Landnahmebuch geschrieben, einer der alten isländischen Pergamenthandschriften, in dem die Besiedlung Islands genau geschildert wird. Grelöður war eine grossartige Hausfrau. Sie hatte in ihrem Heim viel zu sagen, wie es seit dem Beginn der Besiedlung war und bis auf den heutigen Tage oft zu Beobachten ist.
Das kleine Haus aus Rasenstücken,
Steinen und Holz in Hrafnseyri, Arnarfjörður,
in dem Jón Sigurðsson geboren wurde,
wird jetzt vollständig wieder aufgebaut.
Jón Sigurdsson ist auf dem Bauernhofe von Grelöður aufgewachsen. Von seinen Ahnen hatte er ein lebendiges Interesse an alten isländischen Angelegenheiten geerbt. Schon als Junge lernte er in der Heimat sich durchzuchschlagen. Im Jahre 1833 reiste er nach Kopenhagen, um dort an der Universität unter anderem Grammatik und Geschichte zu studieren. Während des Studiums musste er sich seinen Lebensunterhalt selbst verdienen. Bald begann er an der Bibliothek Árni Magnússons zu arbeiten, wo man viele Jahrhunderte lang den geistigen Reichtum des isländischen Volkes aufbewahrte, die Pergamenthandschriften der Isländer-Sagas. Jón wurde als hervorragender Spezialist der Handschriften im 19. Jahrhundert anerkannt. Auch die Geschichte Islands betreffend wurde er bald der führende Experte. Er hat aber nie ein Staatsexamen abgelegt, unter anderem deshalb, weil die isländische Politik bald seine ganze Zeit und seine ganze Kraft in Anspruch nahmen.
Die Kirche von Hrafnseyri ist eine
klassische isländische Landkirche.
Alle Isländer waren ihre Kinder
Jón hatte sich mit seiner Verwandten, Ingibjörg Einarsdóttir, verlobt, bevor er ins Ausland reiste um zu studieren. 12 Jahre hat sie zu Hause auf ihn gewartet, ehe er sie nach Reykjavík holte. Die Eheleute siedelten dann mit ihrem ganzen Haushalt nach Kopenhagen um. Ihr Heim war wegen seiner herzlichen Gastfreundschaft berühmt und fungierte sogar als eine Art von Gesandtschaft und Zentrale für alle Isländer. Man könnte sagen, daß Jón Sigurðsson ein Botschafter Islands ohne Gehalt in der Hauptstadt Dänemarks gewesen sei. Es gab kaum eine Besorgung, die er nicht für seine Landsleute erledigte. Wir bewahren zum Beispiel 6000 Briefe auf, die an ihn von Isländern geschrieben wurden, denn bekanntlich gab es ja zu der Zeit kein Telefon.
Nach Island reiste Jón jedes zweite Jahr, um die Versammlungen des Althings zu leiten. Das Althing war damals ein beratender Kongress für die Regierung und den König Dänemarks. Diese Reisen mit Fracht- und Postschiffen im Frühling und Herbst zu unternehmen war sicherlich kein Spaziergang, denn es gab noch keine Wettervorhersage. Die Ehe war Kinderlos, aber einer von ihren Zeitgenossen hat bemerkt, dass alle Isländer ihre Kinder gewesen seien.

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